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Rotes Sofa SPORT – Maik Walpurgis im Interview

Wer: Maik Walpurgis
Warum: Ein BL-Trainer „von hier“
Wo: An der LIFE-Redaktion

 

Life, das Stadtmagazin.
Der ehemalige Bundesliga-Trainer Maik Walpurgis besuchte die Bünder LIFE-Redaktion. Ganz offen sprach er mit Florian Finke über seine Erfahrungen im Profi-Fußball – ein wirklich interessantes Interview! Und was viele nicht wussten: Maik Walpurgis wohnte einige Jahre in unserer Stadt.

LIFE: Hallo Maik, schön, dass du dir Zeit genommen hast! Welche Verbindungen hast du zu Bünde und zum Kreis Herford?
Maik: Vielen Dank für die Einladung, ich habe mich sehr gefreut. Ich bin gebürtiger Herforder, daher ist das meine Heimat hier. Ich habe auch schon einmal einige Jahre in Bünde-Ahle gewohnt, darum bin ich auch mit der Umgebung hier sehr vertraut. An den alten Bünder Bahnhof kann ich mich noch gut erinnern, mal schauen wie der neue aussehen wird.
LIFE: Wo lebst du aktuell?
Maik: Ich lebe mit meiner Frau und unserem Hund in Herringhausen-Eickum in einem Haus.
LIFE: Ist das euer Lebensmittelpunkt oder ziehen alle mit um, falls ein neuer Job ruft?
Maik: Dieses Haus wollen wir auf alle Fälle behalten, es ist daher unser Lebensmittelpunkt. Je nachdem ,wo meine neue Anstellung sich befindet, wird situativ entschieden, ob meine Frau und der Hund mitziehen oder nicht. Das Haus in Eickum wollen wir aber definitiv behalten.
LIFE: Kommen wir mal zu deiner Person, seit Februar 2019 bist du jetzt ohne eine Anstellung als Cheftrainer, wie sehr brennst du auf eine neue Aufgabe?

“Das tägliche Arbeiten mit einer Mannschaft fehlt mir sehr.”

Dafür lebe ich und das ist meine Leidenschaft. Trotzdem will ich meine nächste Station genau überdenken und mir ganz sicher sein, dass meine Vorstellungen mit denen des Vereins übereinstimmen. Ein weiterer
entscheidender Punkt ist die Mannschaft, die Spieler müssen zu meiner Spielweise passen. Es gibt immer Gespräche und auch Angebote. Ich kann mir auch den Schritt ins Ausland vorstellen.

LIFE: Das Fußballgeschäft ist sehr schnelllebig. Der Fußball entwickelt sich von Woche zu Woche weiter. Wie bereitest du dich auf die neue Aufgabe vor?
Maik: Du hast recht, man muss sich immer weiterbilden und immer dabei bleiben, um auf dem neusten Stand zu bleiben. Im Februar war ich in Italien und wollte bei Atalanta Bergamo hospitieren, das ist aufgrund von Corona ausgefallen. Aktuell arbeite ich mit meinem Co-Trainer Ovid Hajou akribisch an unserem Trainings- und Spielkonzept. Außerdem haben wir nahezu 10.000 Tore in den deutschen, italienischen, spanischen und englischen Ligen detailgetreu analysiert.
LIFE: Dein Co-Trainer ist also eine wichtige Komponente für dich?

Maik: Definitiv, ich hatte bereits eine Anfrage, die auch interessant war. Der Verein hat allerdings nur einen Cheftrainer gesucht. Ich habe daraufhin abgesagt.
LIFE: Das heißt, du bereitest dich gerade ausschließlich auf die neue Aufgabe vor?
Maik: Genau, ich analysiere die Top-Ligen und weiß um jede Mannschaft gut Bescheid.
LIFE: Gehen wir deine Karriere mal chronologisch durch. Du bist früh Trainer geworden, wegen Verletzungen, oder?
Maik: Genau, das stimmt. Ich bin schneller gewachsen als meine Knochen hinterherkommen sind. Das wurde immer schlimmer, schließlich musste ich mit 19 schon sagen, dass ich nicht mehr aktiv spielen kann. Meine erste Station war dann die D-Jugend beim SCH.
LIFE: Und du hast direkt gemerkt, das Trainer-Dasein ist dein Ding?

“Dieses spezielle und besondere Gefühl, Menschen zu begeistern und von seinem Plan zu überzeugen, hat mich direkt gepackt und ist schnell zu meiner Leidenschaft geworden.”

LIFE: Nachdem du dann später die B1 in der Westfalenliga trainiert hast und später zum FC Gütersloh gewechselt bist und dort mit der U19 in die Regionalliga aufgestiegen bist, ist der SV Enger-Westerenger, heutiger Kreisligist, auf dich zu gekommen.
Maik: Genau, mit diesem kleinen Verein haben wir es 2001 in die heutige Westfalenliga geschafft. Eine beeindruckende Leistung, auf die ich gerne zurückschaue. Schließlich sind wir mit dem Ziel Klassenerhalt in die Saison gestartet.
LIFE: Nach einem erneuten Intermezzo in Gütersloh durftest du dann die U23 der Bielefelder Arminia trainieren. Auch dort ist dir ein Aufstieg, in die damalige zweigleisige dritte Liga, gelungen.

Maik: Wir sind mit der U23 aufgestiegen und haben plötzlich auf St.Pauli gespielt. Leider gab es in der Folge Differenzen zwischen mir und dem Verein ,weshalb ich das Projekt Nichtabstieg leider nicht fortführen durfte.
LIFE: Bis zu deiner nächsten Anstellung hat es dann fast drei Jahre gedauert. Warum?
Maik: In der Zeit habe ich mir bewusst die Zeit genommen ,meine ersten Stationen Revue passieren zu lassen. Außerdem habe ich, auch auf Rat meines Vaters, mein Studium beendet.
LIFE: Von 2008-2013 warst du dann am Lotter Kreuz bei den Sportfreunden an der Seitenlinie aktiv. Eine Zeit, an die du positiv zurückdenkst, oder?
Maik: In jedem Jahr haben wir um den Titel in der Regionalliga mitgespielt, einmal haben wir uns durch den Sieg im Westfalenpokal auch für den DFB-Pokal qualifiziert. Und in meinem letzten Jahr sind wir gar Regionalliga-Meister geworden. Die Aufstiegsqualifikation haben wir dann knapp gegen RB Leipzig verloren.

LIFE: Die nächste Station folgte dann in Niedersachsen: Wie denkst du an die Zeit an der Bremer Brücke in Osnabrück zurück?

“Ich habe in dieser Mannschaft unheimliches Potenzial gesehen, fast alle Spieler hatten bewiesen, die Qualität für die erste Bundesliga zu haben.”

Maik: Eine tolle Zeit, mit wirklich tollen Fans und ein super Verein. Im ersten Jahr sind wir überraschenderweise im oberen Drittel gelandet. Daraufhin haben uns Leistungsträger wie Simon Zoller und Manuel Riemann, die heute beide in Bochum spielen, verlassen. Außerdem gab es während der gesamten Zeit finanzielle Probleme die wir stets im Auge behalten mussten. Daraufhin langte es nur zu einem Platz im Mittelfeld. Nach einem schwachen Saisonstart in der dritten Saison wurde ich freigestellt.

 

LIFE: Nur ein knappes Jahr später durftest du dich dann auf einmal Bundesliga-Trainer nennen. Ingolstadt stand nach zehn Spieltagen mit zwei Punkten auf dem letzten Platz. Warum hast du dich trotz dieser kritischen Situation für ein Engagement entschieden?
Maik: Ich habe in dieser Mannschaft unheimliches Potenzial gesehen, fast alle Spieler hatten bewiesen, die Qualität für die erste Bundesliga zu haben. Außerdem bekommt man so eine Chance vermutlich nie wieder, ich durfte mich mit den besten Trainer messen und in tollen Stadien aktiv sein.
LIFE: Leider konntest du den Klassenerhalt nicht sichern. Das lag aber nicht unbedingt an dir, ich erinnere mich an viele gute Spiele und einige umstrittene Entscheidungen.

 

Maik: Das ist leider völlig korrekt. Viele Punkte hätten wir mehr eingefahren, wenn es damals schon den Videobeweis gegeben hätte. Köln schießt durch Anthony Modeste zwei Abseitsgegentore gegen uns, Lars Stindl trifft das Tor mit der Hand und Schalke wird ein Tor gegen unseren direkten Kontrahenten abgepfiffen, das niemals hätte aberkannt werden dürfen.
LIFE: Nach einem Saisonstart, der nicht wie erhofft über die Bühne ging, hast du erneut vor dem Aus gestanden, warum?

Maik: Der Verein hat das klare Ziel ausgegeben, sofort wieder aufzusteigen. Wir haben allerdings viele Stammspieler durch die guten Leistungen in der Bundesliga verloren. Hinzu kommt, dass die zweite Liga anders Fußball spielt als die Bundesliga.
LIFE: Was nimmst du aus der Zeit in Oberbayern mit?
Maik: Dass ich das Potenzial dazu habe, in der Bundesliga zu trainieren.
LIFE: Kurze Zeit später hat dich dann die SG Dynamo Dresden verpflichtet. Es scheint so, dass es irgendwie nicht richtig gepasst hat, zwischen der SGD und dir.

Maik: Wie ich zu Beginn unseres Gespräches schon erklärt habe, ist es mir bei meiner neuen Station wichtig, dass der Verein und ich denselben Fußball sehen wollen und die Mannschaft auch im Stande ist ,diesen zu spielen. Das war in Dresden leider nicht der Fall. Ich stehe für ein offensives Pressing. Ich möchte vorne angreifen und den Ball jagen, das hat die Folge, dass meine Mannschaft nicht immer viel Ballbesitz hat. In Dresden wollte man eher Ballbesitz-Fußball sehen und dadurch dominanter wirken.

LIFE: Habt ihr das ganze also überstürzt, wolltest du zu schnell wieder an der Seitenlinie stehen?
Maik: Natürlich haben wir uns vorher intensiv ausgetauscht, aber vielleicht hätten wir uns mit der Entscheidung etwas mehr Zeit lassen sollen. Trotzdem habe ich Dresden in guter Erinnerung und meine Lehren daraus gezogen. Ich erinnere mich gerne an die Spiele und die
Fans. Hinzu kommt die großartige Stadt, Dynamo gehört eigentlich in die Bundesliga.

 

LIFE: Du hast bereits Erfahrungen mit Entlassungen, spürst du dieses Gefühl vom Schicksalsspiel und wie fühlt sich der Moment der Entlassung an?Maik: Man merkt schon, dass du spätestens jetzt liefern musst. Es knistert einfach. Der Moment der Entlassung fühlt sich erstmal traurig und leer an, am bemerkenswertesten ist, dass man von 120% auf 0% abfällt. In den folgenden Tagen muss man erstmal alles für sich verarbeiten und abschalten.
LIFE: Die Gehälter werden immer höher, ist der Fußball ein Stück weit versaut geworden?
Maik: Definitiv sind diese Unsummen an Geld teilweise zu viel. Diese Leidenschaft, die Emotionen, das Gefühl als Mannschaft etwas geschafft zu haben und das Gefühl in Form eines Tores oder eines Sieges sind magisch. Das hat nichts mit dem Gehalt zu tun. Am Ende spielt jeder Fußball wegen dieser Momente.

 

LIFE: Wenn ich mir die Äußerung erlauben darf, macht es für mich den Anschein, dass Berater im Fußball auf ihr eigenes Konto schauen und lieber danach entscheiden als nach dem Wohl des Spielers. Hinzu kommt, dass ich manchmal das Gefühl habe, dass der Spieler gar nicht weiß, was sein eigener Berater gerade verhandelt. Kann man das so sagen?
Maik: Ich will dir gar nicht widersprechen und deshalb bin ich auch bei keinem Berater unter Vertrag. Trotzdem tausche ich mich mit Beratern aus. Am engsten arbeite ich mit einem Rechtsanwalt zusammen. Trotzdem würde ich auch hier nicht alle Berater über einen Kamm scheren. Ein Berater ist dann wichtig, wenn der Spieler mit dem Verein selbst verhandelt, kann es zu Konflikten mit dem Sportvorstand kommen, falls unterschiedliche Summen geboten werden. Wenn das ein Berater macht, kann der Sportvorstand trotzdem noch ein gutes Verhältnis mit dem Spieler haben. Die Jungs sollen sich ausschließlich auf Fußball konzentrieren, der Berater kümmert sich auch sonst um viele Dinge die den Profi betreffen.
LIFE: Danke für dieses Interview.

 

„Das Interview“ von Florian Finke mit Fotos von Joline Bräucker

hallo@mr-flo.life

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