Home / World  / Iitalienischen Flair im kleinen Fischerort Camogli.

Iitalienischen Flair im kleinen Fischerort Camogli.

Wer kennt nicht die Toskana, den Gardasee oder Roma? mr.Flo entdeckt heute das schöne Italia abseits der großen Touristenrouten. Und stößt auf den Lieblingsort von LIFE-Chef Stefan Winter.

Es ist ein sonnenverwöhnter Julitag. Hoch oben auf der Via Aurelia ist man dem Himmel so nah und und versteht,warum Adriano Celentanos „Azzurro“ auch nach Jahrzehnten noch ein italienischer Ohrwurm ist. Wir singen lauthals mit, Oleander und Olivenbäume fliegen vorbei und ganz weit unten, am Fuße der Steilhänge und auf engstem Raum am türkisfarbenen Meer aufeinander gestapelt, liegen die ligurischen Sehnsuchtsorte.

„Santa Marharita“ und „Portofino“ – zu gerne folgen wir den Schildern, die uns so viel versprechen. Ja, dies ist die eine Seite des ewig jungen italienischen Traums. Und die andere Seite? Eine endlose Blechlawine in die Hotspots des Golfo Paradiso, ein Portofino, das sich nur noch die ganz ,ganz Reichen wirklich leisten können.

“Zu gerne folgen wir den Schildern, die uns so viel versprechen.”

In dem der Quadratmeter Wohnraum in den Häusern am Meer heute um die 25.000 Euro kostet und das als das teuerste Fischerdorf der Welt gilt, in dem sich täglich Promis wie Madonna oder Leonardio DiCaprio sehen lassen und in dem tausende Touristen pro Tag die Hafenszene für gefühlt millionenfache Selfies nutzen.

Portofino und Rapallo – mondäne Riviera-Orte, die ihre Seele irgendwann mal vor vielen Jahrzehnten verkauft haben. Überströmt vom Massentourismus, auf der Suche nach einem Hauch Dolce Vita. Selbst die fünf wunderschönen Dörfer der Cinque Terre, von Monterosso bis Riomaggiore, die von der Unesco bereits in den Neunzigern zum Weltkulturerbe gekürt wurden, bieten inzwischen im Sommer kaum noch Luft zum Einatmen der wunderbaren mediterranen Düfte.

Es ist – wie gesagt – einer von einunddreißig sonnenverwöhnten Tagen im Juli und es ist das Jahr 2008. Wir lassen die viel versprechenden Rivieraorte einfach links liegen, biegen ab von der Via Aurelia, folgen den schmalen Serpentinen hinunter zur Steilküste, so wie es zum Glück bisher nicht allzu viele tun, und stoppen jäh mitten in einer engen Kurve: dieser Anblick nimmt uns den Atem. Die Fassaden der bis zu acht Stockwerke hohen Häuser am Ufer spielen in allen denkbaren Schattierungen von Rot, Orange und Gelb.

Das strahlend blaue Meer, der Steinstrand davor, auf einer Halbinsel die Kirche wie auf einer Postkarte, im Hafen drängen sich die Kähne und unzählige schmale Gassen schlängeln sich den Berg hinauf.

Zu meinen Füßen liegt Camogli. Ein Fischer-Ort, der mich umhaut. Und das nun bereits seit zehn Jahren. „Ja, ich weiß,“ schmunzelt und strahlt zugleich Alessandro, der Hotel-Gastgeber seit einem Jahrzehnt, „ich weiß, Ihr habt Euch in Camogli verliebt.“ Und schon öffnet der Patrone zufrieden eine Flasche Prosecco zur Begrüßung. Es ist 2018 und ich bin endlich wieder da: nach einem langen Jahr ohne diese eine, große Leidenschaft in Ligurien! Endlich wieder in Camogli.
Der erste Aperol im Hafen, der eigentlich nur hier in Ligurien diesen Namen zu Recht tragen dürfte, der erste Branzino mit Pesto im „Sette Pance“ direkt am Meer und vor allem: die erste herzliche Umarmung mit den Menschen, die mit den Jahren schon ein wenig und durchaus mehr zu Freunden geworden sind.

Schon nach einigen Tagen atmet hier die Seele befreiend aus, atmet tief wieder ein und findet so ungemein viel intensive Inspiration. Schlendernd durch die Gassen, die zum Teil durch die hohen Häuser hindurch führen. Mit dem Blick auf die Farbenfreude der Fassaden, auf die einheitlich dunkelgrünen Fensterläden, um die sich eine aufgemalte Scheinarchitektur von Balkonen, Simsen und Balustraden rankt.

Im Hafen flicken wirkliche Fischer noch wirkliche Netze. Etwa ein knappes Dutzend von ihnen sind übrig geblieben, die Morgens zum Fang aufs weite Meer rausfahren und am Nachmittag den Vorbeischlendernden und der handvoll Restaurantbesitzer gleich am Boot ihre Fänge zeigen: Wolfsbarsch, Doraden, Sardinen und Sardellen.

Insbesondere letztere, denn Camogli ist in Italien für seine Acciughe berühmt. Die Patrone suchen sich hier gleich ihren Fisch fangfrisch aus, schieben ihn auf kleinen Karren in die eigene Küche und servieren ihn stolz wenige Stunden später dem Gast. Aus einem Meer, das hier die „blaue Flagge“ erhalten hat.

Die „Bandiere Blu“ sind in Europa eine ausgesprochen begehrte Auszeichnung, stehen sie doch nicht nur für sauberes Wasser, sondern auch für Strandeinrichtungen nach umweltfreundlichen Kriterien. Im italienischen Ranking belegen die Toskana und Ligurien mit jeweils 16 Flaggen den ersten Platz. Pottwale, Finnwale und vor allem Delfine werden immer wieder kurz vor Camogli gesichtet.

 

Im Ristorante am Meer treffen wir dieses Jahr auch die beiden Frankfurter wieder, ein Pärchen, mit dem uns im letzten Jahr viel Sympathie verband. Was für ein schöner Zufall! Und strahlen uns an, was zu einem guten Teil eigentlich unserer gemeinsamen Leidenschaft für dieses Stück Erde geschuldet ist.

 

„Einer unserer Angestellten kommt ursprünglich aus Genua. Als wir ihm von Camogli berichteten, schaute er nur ganz verwundert und meinte, da wäre er noch nie gewesen,“ lachen unsere deutschen Freunde. Dabei liegt das Fischerstädtchen nur vierzig Fahrminuten entfernt von der Metropole.

Ebenfalls ein klarer Fall von Liebe!

Und wie aus einem Mund stellen wir vier lachend fest: „Wie gut! Stellt euch vor, die würden alle Camogli kennen. Dann wären die alle hier. Ein Glück, dass es nicht so ist.“ Und prosten uns zufrieden zu. Die beiden Frankfurter sind bereits zum fünften Mal hier. Ebenfalls ein klarer Fall von Liebe!

Gemeinsam haben wir uns im letzten Jahr einen Spielfilm angeschaut, den SAT 1 hier vor einigen Jahren drehte. Eine herrlich kitschige, deutsche Liebeskomödie mit Annette Frier und Sabine Postel, die sich der traumhaften Kulisse Camoglis bediente. Titel: „Erdbeereis mit Liebe!“ Und nicht genug davon:

„Auch die Amerikaner waren schon hier und haben Filme gedreht,“

berichtet unser Freund Lorenzo, der in einem Hotel als Barmann arbeitet. Ihn und die anderen Camogliesen stört das nicht besonders – sie interessieren sich aber auch für derart Aufsehen nicht besonders.

„Die Menschen hier an der Küste sind zunächst einmal eher zurück haltend, nicht sofort Dein bester Freund wie die Napolitaner oder die Römer,“ erzählt uns eine im Ort praktizierende Psychologin, die wir Nachts in einer Strandbar kennenlernen. „Aber wenn sie spüren, dass man sich wirklich für sie und ihren Ort interessiert und , so wie ihr jedes Jahr kommt, dann öffnen sie sich ganz aufrichtig.“

Besondere Menschen, die in ebenso besonderen Häusern leben. Wie gesagt: bis zu acht Stockwerke hoch, ganz dicht am Meer. Denn Camogli war im Spätmittelalter eine ansehnliche Hafenstadt, in der Blütezeit bestand die Flotte Camoglis aus Hunderten von Großseglern und wurde in Italien

„die Stadt der tausend weißen Segelschiffe“ genannt.

Um 1800 herum stellte Camogli das größte Kontingent der Flotte Napoleons – ihre Hamburger Kollegen besaßen damals eine gerade halb so große Flotte. Und im 19. Jahrhundert lebten sage und schreibe 500 patentierte Schiffskapitäne hier. In den hohen, herrlich bunten Häusern befanden sich früher zum Teil Speicher, in denen orientalische Stoffe oder Gewürze gelagert wurden. Und diese in ganz Italien einmaligen Bauten wurden früher „Casae delle mogli“ (Häuser der Frauen) genannt – wohl weil die Männer meistens zur See fuhren und im Mittelalter das Städtchen weitgehend dem weiblichen Geschlecht gehörte. Aus „Casae delle mogli“ soll dann später der Name „Camogli“ entstanden sein.

Der bezaubernde historische Ort strahlt einen einzigartigen Charme aus. Architektonisch fast unverändert, entspannt ruhige Gelassenheit ausstrahlend und doch bis obenhin mit italienischen Momenten vollgepackt. Rafaela, die in einem ihren kleinen Lädchen am Hafen ihr eigenes Camogli-Parfum aus Zitronen und unzähligen Kräutern herstellt, weiß auch warum Camogli sich bis heute so erfolgreich dem Massentourismus erwehren konnte: „Wir alle stehen zusammen. Und haben uns eine Ortssatzung gegeben, die etwa große Hotels nicht zulässt und nach der bauliche Veränderungen nicht so einfach möglich sind.“ So zählt das größte Hotel im Ort, eine schöne Stadtvilla, gerade einmal 19 Zimmer – die meisten Häuser bieten ein, zwei Zimmer „Bed & Breakfast“.

Und gegen die Kommerzialisierung des Fischfangs haben sich vor ein paar Jahren die zur See Fahrenden zu einer Kooperative zusammen geschlossen, in der strenge Regeln gelten und in der festgelegt wird, dass nur eine limitierte Zahl von Fischarten angeboten werden dürfen. So verankern die Fischer die Tonnarella (Thunfischnetze) jedes Jahr von April bis September in der Strömung. Es bleibt eine nachhaltige Methode der Fischerei, da Jungtiere durch die Maschen des Netzes entkommen können. Ein Gesamtkonzept mit bisher beachtlichem Erfolg.

Das Meer wunderbar klar, lässt es sich endlos schwimmen oder die atemberaubende Kulisse im Boot vom Meer aus betrachten. Und wer will, kann übrigens von hier aus auch in einer knappen Stunde auf dem Wasser in Portofino sein … Doch wer will dies schon, hat man einmal Camogli entdeckt. Und so gibt es manchen Kenner, der Camogli „das ursprüngliche, wahre Portofino“ nennt.

Eine Insel der Glückseligen?

Nein, auf keinen Fall. An Wochenenden ist die Strandpromenade zur Passeggiata-Stunde auch hier voll von Menschen – die Mailänder und Veronesen wissen schließlich genauso, welchen Charme Camogli versprüht. Und viel zu oft liegen die Yachten aus Portofino vor Camogli, an dessen Fassaden sich die Superreichen nicht satt sehen können. Doch die limitierte Zahl an Zimmern für Fremde, die komplette Sperrung des Stadtkerns für Autos (hier gibt es nur Fußwege und unzählige Treppen , auf denen man sich durch den Fischerort bewegt) und nicht zuletzt der gesunde Dickkopf der 6.000 Einheimischen gibt mir Gewissheit, dass Camogli immer meine Leidenschaft bleiben wird.

Mit einem einzigen bitteren Moment: Der Morgen eines inzwischen sonnenverwöhnten August-Tages, an dem Lorenzo und Alessandro uns die Koffer die Treppen hoch, durch den Ort, Richtung Bahnhof tragen. Anhaltende Umarmungen und Küsse, die ein ganzes Jahr halten müssen.

„Geniesst Euer Leben in Deutschland. Wir sehen uns ganz, ganz bald wieder,“ rufen uns die italienischen Freunde nach und wir schauen ein letztes Mal zurück auf Camogli …. Ja, jetzt fragen Sie sich bestimmt, ob dies hier unbedingt zu einer Liebeserklärung werden musste…

Und ich sagen Ihnen, liebe Life-Leser: „Ja, keine Frage, ohne Zweifel!!! “ Ciao Camogli, a la prossima!

„Die Reportage“ von Stefan Winter

hallo@mr-flo.life

Review overview
NO COMMENTS

POST A COMMENT