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Australien: mr.Flo erlebt puren Nervenkitzel

Er gestikuliert wildstark mit seinen Händen und verzieht das Gesicht zu lustigen Grimassen. Seine übertriebene Gestik bringt alle Anwesenden zum Lachen und ich erlebe gerade den glücklichsten Moment meiner ganzen Australienreise.

Julián ist Halb-Argentinier, Halb-Brasilianer und hat außerdem Familie in Italien. Er spricht alle drei Sprachen fließend und ist einer meiner besten Freunde dort. Wir sitzen in einem kleinen Hostel in der Backpackerstadt Cairns um einen Tisch herum. Die Küche ist zum Garten hin offen und wir sehen, wie der Mond an diesem besonders warmen Abend die Nacht erhellt.

Es ist nicht die lustige Bemerkung, die mich so glücklich gemacht hat, sondern das Wohlbefinden unter all diesen Leuten zu sein. Einige kenne ich schon gut, andere habe ich am selben Abend kennengelernt und trotzdem fühlt es sich an, als wären wir schon ewig befreundet. Es fühlt sich an wie Heimat.

Im September 2019 hat meine Reise ins ferne Australien begonnen. Zunächst ein kurzer Aufenthalt in Sydney und dann weiter nach Daintree. Dort habe ich als freiwillige Arbeiterin in einem Zoo mitgeholfen und Wombats, Kakadus, Sträuße, sogar Krokodile und natürlich Kängurus gepflegt. Bereits in meiner Kindheit war für mich klar, dass ich eines Tages nach Downunder reisen würde. Mein Vater war selbst dort und hat mir immer wieder von seinen Abenteuern erzählt und das Fernweh in mir geweckt. Nach dem Abitur war dann der perfekte Zeitpunkt gekommen.

Insgesamt acht Monate bin ich die Ostküste entlang gereist. An einigen Orten war ich nur wenige Tage und an anderen habe ich mehrere Monate verbracht. Mal in Hostels, mal als Couchsurfer, als Arbeiterin auf einer Farm oder in einer WG. Jeder Ort war auf eine andere Art besonders und jede Stadt hat mich etwas Neues gelehrt.

Vor allem der Anfang war schwer, aber die meisten Australier sind so freundlich, hilfsbereit und weltoffen, dass man sich ihrer Hilfe sicher sein kann. So war ich bereits zu Beginn meiner Reise auf ihre Hilfe angewiesen, als mich die Mitarbeiter des Zoos nicht abgeholt haben. Ohne Internet und Handy konnte ich sie nicht erreichen, aber ein Hotelrezeptionist hat das für mich erledigt und außerdem angeboten seine Frau anzurufen, die mich dort hin fahren könnte. Dieses Maß an Hilfsbereitschaft hat mich sehr erstaunt und ich war sehr dankbar für dieses Angebot. Er hat mir außerdem seine Nummer und Adresse gegeben und gemeint, dass ich einige Zeit bei ihnen bleiben könnte, wenn die Organisation weiterhin so unseriös sei. Dieses Angebot musste ich dann allerdings nicht annehmen.

Es gab auch schönere Erlebnisse mit deutlich mehr Nervenkitzel. An meinem Geburtstag bin ich aus knapp 4000 Metern Höhe mit einem Fallschirm dem Ozean entgegen gesprungen und auf dem wunderschönen Strand in Mission Beach gelandet. 

Das war vielleicht ein Adrenalinkick! Auf Magnetic Island habe ich einen Tauchkurs gemacht und in der Nähe der Whitsundays Inseln bin ich zusammen mit Schildkröten und Riffhaien geschnorchelt. Diese Inseln nennt man auch die „Karibik Australiens“ und das zurecht. Der Sand ist so weiß wie Schnee, das Wasser kristallklar, dass man die Fische und Rochen noch aus weiter Ferne sehen kann und nachts auf dem Deck des Segelboots liegend habe ich das erste Mal in meinem Leben eine Sternschnuppe gesehen.

 

Eine andere Insel, Fraser Island, ist auf eine andere Weise schön. Sie gehört zu den gefährlichsten Inseln der Welt. Alleine herumspazieren darf man nicht, denn die Dingos beherrschen die Strände. Auch ins Wasser darf man nicht, denn neben starken Strömungen stellen Krokodile, Haie und giftige Quallen eine große Gefahr da. Beim Abendessen im Camp schreit eine junge Frau plötzlich auf und sofort versammeln sich alle um sie herum. Sie steht einer giftigen Schlange gegenüber, die sich aufbäumt und zischt. Der Tourguide bittet alle zurückzutreten, nähert sich der Schlange vorsichtig, ergreift sie mit einem Besenstiel und lässt sie einige hundert Meter vom Camp entfernt wieder frei. Fraser Island ist so gefährlich, dass die Häuser von elektrischen Zäunen umgeben und alle Dingos mit GPS-fähigen Halsketten ausgestattet sind. Einige Gefahren krabbeln aber auch. Auf einer Tagestour sind wir einer riesigen, haarigen und, wie ich später erfahren habe, giftigen Spinne begegnet. Nur zwei Personen haben sich getraut sie zu berühren. Eine davon war ich. Erst im Nachhinein wird mir klar, wie verantwortungslos ich in einigen Situationen war, denn ich bin den Krokodilen mehr als nur einmal zu nahe gekommen…

 

So schön das Reisen durch Australien auch war, irgendwann muss auch gearbeitet werden, um sich den Spaß leisten zu können. Meinen ersten Job habe ich in Cairns gefunden. Dort bin ich nachts und mit lauter Musik als Fahrrad-Taxifahrerin durch die Straßen der Innenstadt gefahren und habe Feiernde von einer Disko zur nächsten kutschiert. Es war anstrengend, hat Spaß gemacht und ich habe gelernt mich anderen schneller zu öffnen. Es war eine tolle Erfahrung und ich habe viele Freunde gefunden, die ich im Laufe der Reise immer wieder getroffen habe. Es klingt verrückt, aber ich habe ausgerechnet in den kleinen Städten Australiens, zufälligerweise zwei andere Bünder getroffen. Da kommt einem die Welt gleich viel kleiner vor.

 

Einen anderen Job habe ich auf einer Rinder- und Hühnerfarm in der kleinen Stadt Ingham gefunden. Die Stadt liegt eine Stunde Fahrt im Landesinneren und es ist deutlich zu erkennen, wie sich der Regenwald verändert. Aus einem dichten Dschungel mit hohen, dicken Bäumen und großer Pflanzenvielfalt wird ein zunehmend öder und trockener Wald, der leider teilweise abgebrannt und von schwarzer Asche bedeckt ist. Die Waldbrände waren sehr stark und haben ganze Städte von Rauch umgeben. Von der Farm aus konnte man den Rauch sehen und wir haben beobachtet, wie er Tag für Tag näher kam. Der Ort ist sehr abgeschieden, der nächste Nachbar 20 Minuten Autofahrt entfernt und man kann dort richtig zur Ruhe kommen. Die Farm war vergleichsweise klein und ich habe bei einem alten Ehepaar gewohnt, die mir einen Schlafplatz und Essen im Gegenzug für meine Mitarbeit gegeben haben. Ich hatte das Glück da zu sein, als ein Kalb geboren wurde. Mir zu Ehren haben sie es nach mir benannt. Irgendwo im nirgendwo Australiens grast also gerade eine Kuh namens Sonja.

 

Die meiste Zeit habe ich in Melbourne verbracht. Dort habe ich in einer WG mit zwei Australiern und einer anderen deutschen Backpackerin gewohnt. Ich habe in einem Eiscafé in einem kleineren Stadtteil gearbeitet und bin zur Barista geworden. Mein Mitbewohner hat mich für ein Wochenende mit zu seiner Familie auf eine Pferderanch genommen und ich habe das typische Aussie-Farmleben von der wilden Seite kennengelernt. Es gibt Alkohol, gutes Essen, laute Musik, Gewehre und Peitschen. Ich selbst durfte auch schießen und das Peitschen üben, was ebenfalls ein großer Adrenalinkick war.

 

Gerne wäre ich noch weiter gereist. Vor allem durch Asien, denn die Asiaten, denen ich begegnet bin waren so freundlich, dass ich ihre Kultur gerne besser kennengelernt hätte. Ein Yoga-Kurs auf Bali, Flüge und Unterkünfte für Fidschi und Neuseeland waren auch schon gebucht, doch dann kam das Virus und hat dies leider verhindert. Dafür wann anders! Nach dem Bachelor möchte ich noch einmal eine große Reise unternehmen und das machen, was dieses Jahr nicht möglich war. Ich empfehle jedem, der die Mittel dazu hat zu reisen, ob nah oder fern, mit dem Flugzeug oder der Bahn, es lohnt sich für die persönliche Weiterentwicklung. Es war nicht immer einfach und bequem und ich habe mich auch öfters einsam gefühlt, aber man lernt so vieles über sich, andere Leute und andere Kulturen. Ich bin sehr viel selbstständiger, aktiver, lebensfroher und weltoffener geworden und dankbar dafür, dass ich all das erleben konnte. Die vielen tiefgründigen Gespräche nachts am Strand mit Lagerfeuer und Leuten, die man gerade erst kennengelernt hat führen zu wichtigen Einsichten. Und dann fühlt man sich irgendwann überall auf der Welt zuhause.

hallo@mr-flo.life

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